Interview: To Be Straight With You, Ohne Angst

Lloyd Newson

Interviews

Ohne Angst mit dem Partner Händchenhalten

by Brigitte Fürle
To Be Straight With You programme, Berlin, 2007
Interview conducted 26th November 2007

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To Be Straight With You basiert auf Interviews der Company mit Menschen, die Probleme haben mit ihrer Religion und ihrer sexuellen Orientierung. Vor ein paar Jahren hat DV8 das Stück MSM (men who have sex with men, 1993) herausgebracht, dem ebenfalls echte Lebensgeschichten in Form von Interviews zu Grunde lagen. Gab es Ähnlichkeiten im Entstehungsprozess der beiden Stücke?

Newson ... Beide Stücke gehen zwar von realen Interviews aus, der Kreationsprozess jetzt verlief aber völlig anders als bei MSM. In To Be Straight With You haben wir die Interviews erst einmal als Audio-Material — unabhängig von den Darstellern - ausgewählt und zusammengestellt; bei MSM hingegen lagen die Interviews (ausschließlich) als transkribierte Texte vor. Bei To Be Straight With You bekamen die Darsteller das ausgewählte Tonmaterial auf iPods. Wir baten sie, das per Kopfhörer Gehörte zu wiederholen und dazu gleichzeitig Bewegungen zu improvisieren.

Für diese Kreation wollte ich nicht so sehr illustrierende Bewegungen finden, sondern vielmehr in Richtung assoziativer Bewegungsmuster vorstoßen. Mit ersterer Arbeitsweise riskiert man — wenn man nicht aufpasst — eine Dopplung und sagt am Ende mit Bewegungen und Worten genau das gleiche. Das ist an sich nicht immer ein Problem, aber ich fand es jetzt spannender, Wege zu finden, uns selbst 'auszutricksen', um assoziatives Bewegungsmaterial freizusetzen. Die iPod-Methode war dabei sehr hilfreich, weil sie das Unterbewusste zum Vorschein bringt.

Diese Vorgehensweise war zudem hervorragend geeignet, unsere natür liche Gewohnheit, Bewegung und Worte aufeinander abzustimmen, zu durchbrechen. Die Ergebnisse waren oft viel spannender, als wenn wir versucht hätten, diese Bewegungen bewusst auszuführen. Wir zeichneten die Improvisationen auf Video auf und haben diese Aufzeichnungen dann monatelang immer wieder angesehen, um die Bewegungen im Verhältnis zu jedem gesprochenen Wort dauernd zu verändern und weiterzuentwickeln. Es gab also ausreichend Zeit für das bewusste Denken, wieder ins Spiel zu kommen.

Manchmal haben wir die Ausgangsimprovisation völlig ignoriert und noch einmal ganz von vorne angefangen, Schritt für Schritt. Wir sind aber auch noch weiter zurückgegangen und haben die Originalinterviews neu bearbeitet, um sicher zu stellen, dass alle wichtigen Informationen über die Interviewten darin enthalten sind. Am Ende sieht man also auf der Bühne unsere Darsteller, die sich bewegen, während sie entweder selbst einen der Interviewtexte sprechen oder die Originalstimme eines Interviewteilnehmers als Voice-over zu hören ist. Anders als bei MSM wollte ich diesmal von allen Interviewpartnern die Genehmigung, ihre Stimme im Stück verwenden zu dürfen. Aus Angst vor Repressalien waren nicht alle damit einverstanden. In denjenigen Fällen, in denen wir die Erlaubnis hatten und dazu der Meinung waren, die Originalstimme passe besser als die Wiedergabe durch einen Darsteller, nutzen wir die Tonaufnahmen. Das gibt dem Stück größere Authentizität.

Ihr habt alle Interviews in Großbritannien geführt. Könnte man denn diese Geschichten auch auf religiöse Gemeinschaften und auf Minderheiten in Deutschland übertragen?

Religion, Sexualität und Toleranz sind grundlegende Indikatoren zum Verständnis der meisten Gesellschaften. Großbritannien und Deutschland sind beide westeuropäische Demokratien, in denen Homosexualität zwar legalisiert ist, aber oft im Konflikt steht mit religiösem Fundamentalismus, egal ob christlich, islamisch oder jüdisch. Ich wäre überrascht, wenn es keine Entsprechungen gäbe zwischen unseren Interview-Geschichten und den Erfahrungen hier in Deutschland, ob es sich nun um Minderheitenkulturen oder die Allgemeinheit handelt.

To Be Straight With You wird in Berlin bei spielzeit'europa|Berliner Festspiele zur Weltpremiere gelangen, zum ersten Mal in der Geschichte von DV8 gibt es eine Premiere in Deutschland. Was war denn für diese Entscheidung ausschlaggebend?

spielzeit'europa war ja schon 2005 bei Just for Show als Koproduzent dabei. Was dieses Mal anders war, war dein nachdrückliches Interesse, das Stück so früh und so frisch wie möglich nach Berlin zu bringen und uns, zumindest in der Endphase der Proben, mit technischen Einrichtungen zur Verfügung zu stehen. Neun Tage technische Proben, zusammen mit der Koproduktion, das war ein verlockendes Angebot. Normalerweise müssen wir in England immer eine Fabrik oder Ähnliches finden und in eine Probebühne mit Originalmassen verwandeln, um die Show fertig zu proben, bevor sie in einem Theater Premiere hat. Wenn ich es richtig verstanden habe, kann ein solches Endproben-Szenario in Deutschland auch nur eine Programmreihe wie spielzeit'europa anbieten, die ja eigentlich eine Saison ist und kein Festival.

Dazu kommt, dass To Be Straight With You vielleicht mehr Sprechtheater als Tanz ist. Trotzdem funktionieren Übertitel in dieser Arbeit nicht. Das ist für viele unserer europäischen Veranstalter ein Problem. Ihr dagegen habt diese Auflage umgehend akzeptiert, das finde ich toll. Natürlich hoffe ich, dass man hier das Thema des Stücks auch so versteht. Ich erinnere mich an das Theater von Kantor vor vielen Jahren, das — in polnischer Sprache ohne Übertitel — auf der ganzen Welt zu Tränen zu rühren vermochte.

DV8 ist keine feste Company. Ist es nicht schwierig, jedes Mal wieder die richtigen Performer für ein Stück zu finden, besonders für eine Produktion wie diese?

Keine feste Company zu haben bedeutet, dass ich die richtigen Darsteller speziell für jedes Stück neu finden muss, passend zum jeweiligen Ausgangsmaterial. Das ist für mich unter Umständen sogar leichter, als wenn ich gezwungen wäre, ein festes Ensemble zu besetzen. Das Schwierige daran ist nur, dass es viel Zeit und Energie braucht, bis man seine Truppe zusammenhat. Manchmal sind gute Darsteller, die eigentlich gerne mit uns arbeiten würden, nicht bereit, die Sicherheit einer festen Company aufzugeben. Für dieses Projekt war es aufgrund des Themas nicht leicht, die entsprechenden Tänzer zu finden. Aber letztendlich entspricht eine solche 'pick up'-Company am ehesten der Arbeitsweise von DV8. Es ist das Stück selbst, das ein Projekt vorantreibt, und nicht die Notwendigkeit, eine Gruppe von Tänzern das Jahr über zu beschäftigen. Es ist wichtig, dass DV8 nicht zur 'Stücke-Fabrik' wird.

Das diesjährige Motto von spielzeit'europa PARADIES JETZT steht nicht nur für die Suche nach den verlorenen Utopien der 68er, sondern auch nach den universellen Sehnsüchten und Träumen von etwas Freude und Zärtlichkeit. Wird To Be Straight With You überhaupt von diesen Sehnsüchten erzählen, die vielleicht nur noch im Theater möglich sind?

Ich denke sehr viel darüber nach, ob Theater überhaupt etwas verändern kann. Ob es mehr sein kann als Unterhaltung, egal wie gut wir es machen. Vielleicht kann es für einen Moment glücklich machen, aber das kann auch ein kleiner Spaziergang im Park. Ab und zu, wenn ich optimistisch bin, glaube ich daran, dass Theater von gesellschaftlicher Relevanz das Bewusstsein der Menschen schärfen und im Kleinen Veränderungen anstoßen kann. Ich muss mich dabei selbst daran erinnern, dass nicht alles an vorderster Front ausgetragen werden muss.

Ich hoffe, dass viele der Personen, die wir interviewt haben — und Millionen von homosexuellen Frauen und Männern auf der Welt, die ähnliche Erfahrungen teilen — möglichst bald ein Leben führen können ohne Angst, zusammengeschlagen, misshandelt oder sogar umgebracht zu werden für so etwas Harmloses wie mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin in der Öffentlichkeit Händchenzuhalten.

 

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